Tagungsbericht: „Zukunft braucht Handwerk“ am 06.02.2017

Die Tagung des Die Freien Bäcker e.V. war ein voller Erfolg! Zur Einstimmung auf die Tagungsthemen waren die TagungsteilnehmerInnen bereits am Sonntag in Ebnisee im Schwäbischen Wald eingetroffen. Ein Drittel der rund 60 TeilnehmerInnen kam direkt von einem Backworkshop, den der Verein in einer Schweizer Bio-Bäckerei veranstaltet hatte. Die aus der Schweiz mitgebrachten Gebäcke, besonders […]

Die Tagung des Die Freien Bäcker e.V. war ein voller Erfolg!
Zur Einstimmung auf die Tagungsthemen waren die TagungsteilnehmerInnen bereits am Sonntag in Ebnisee im Schwäbischen Wald eingetroffen. Ein Drittel der rund 60 TeilnehmerInnen kam direkt von einem Backworkshop, den der Verein in einer Schweizer Bio-Bäckerei veranstaltet hatte. Die aus der Schweiz mitgebrachten Gebäcke, besonders das Pane Olive Peperoncini aus Dinkel-Ruchmehl, sowie außergewöhnliche Spezialitäten aus einigen Backstuben der TagungsteilnehmerInnen wurden vor dem Abendmenü gemeinsam mit großem Interesse verkostet.
Die BäckerInnen, lange Tage gewöhnt, diskutierten am Vorabend der Tagung noch zu später Stunde lebhaft mit dem Regisseur Valentin Thurn. Es ging um Fragen, die sich aus seinem im Anschluss an das Abendessen gezeigten Film „10 Milliarden – wie werden wir alle satt?“ ergeben hatten. Gesprächsstoff boten besonders die Beiträge des Dokumentarfilms, in denen Menschen aus den verschiedensten Regionen der Welt zur Sprache kamen, die an ihre Lebensverhältnisse angepasste Formen und Strukturen entwickelt haben, um unabhängig von den Interessen von Agrarkonzernen und Börsenspekulanten, ihre Ernährung zu organisieren und zu sichern.
Zum Beginn der Tagung am 6. Februar beschrieb die Philosophin und Ökonomin Christine Ax, warum Handwerk – durch Nähe und Verantwortung geprägt und mit der Region sowie deren Geschichte und Kultur verbunden – strukturell nachhaltig ist. Christine Ax, „Handwerk gehört zur Antwort auf die Krise des Kapitalismus“. Aus ihrem Vortrag und der Film-Diskussion des Vorabends, ergaben sich bereits zu Beginn der Tagung zwei Forderungen. Zum einen müssen Preise die ökologische und soziale Wahrheit sagen und zweitens ist zukünftig eine sozialökologische Form der Besteuerung umzusetzen. „Eine solche Neugestaltung des Steuersystems, bei der menschliche Arbeit entlastet und Energie, Rohstoffe und Kapital stärker belastet werden, ist ein wichtiger Schritt für den notwendigen Wandel des Ernährungssystems“, so Christine Ax. Das Ziel dabei ist, die bäuerlich-nachhaltige Landwirtschaft, das (Lebensmittel-)Handwerk und faire, regionale Handelsstrukturen zu stärken. Eine solche Wertschöpfungskette ermöglicht regionale Nahrungsmittelsicherheit, verbessert die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) unserer Versorgungssysteme und trägt zur Attraktivität und Lebendigkeit ländlicher Räume bei.
Rege wurden in der sich anschließenden Gesprächsrunde mit Ursula Hudson (Vorsitzende von Slow Food Deutschland), Valentin Thurn, Christine Ax, Anke Kähler (Vorsitzende Die Freien Bäcker e.V.) und den Tagungsteilnehmenden aus dem Handwerk und der Landwirtschaft die verschiedensten Herausforderungen für die handwerkliche Lebensmittelherstellung erörtert. So ging es u.a. um die Frage, wie BäckerInnen bei direktem Rohwarenbezug, von landwirtschaftlichen Betrieben oder kleineren, regionalen Mühlen, mit Schwankungen der Rohstoffqualität umgehen. Wie lassen sich variierende sensorische Brot- und Gebäckqualität als Qualitätsmerkmal vermitteln? Dass „Handwerk hat keinen Schutz hat“ stellte Jörg Meffert aus Lemgo zur Diskussion. Nach wie vor ist es möglich, den Begriff und das Bild von Handwerk missbräuchlich für die Bewerbung von industriell hergestellten Produkten zu verwenden. Der wachsende Vertrauensverlust der VerbraucherInnen wird auch durch die steigende Zahl an bürokratischen Regulierungen nicht eingedämmt. Im Gegenteil, die Zunahme an Kontrollen und notwendigen Zertifikaten für die Vermarktung von Lebensmitteln führt dazu, dass es handwerklichen Herstellern immer schwerer gemacht wird, sich am Markt zu behaupten. Dabei sind grade die Handwerksbetriebe – mit ihrer Kreativität und ihrer Nähe zur Landwirtschaft sowie zu ihren Kunden – die Impulsgeber für Innovationen und neue Wege zu einer nachhaltigen Ökonomie.
„Zukunft braucht Handschlag“ – dieser Satz, ausgesprochen von Herbert Völkle, dem Geschäftsführer der Getreidezüchtung Peter Kunz aus der Schweiz, wurde zum Motto einer der drei Arbeitsgruppen, auf die sich die Tagungsteilnehmer*innen dann aufteilten. Kurz skizziert die Ergebnisse der Arbeitsgruppen:

Das Bäckerhandwerk neu erfinden – neue Wege und Konzepte

Die zwanzig Bäcker*innen dieser Arbeitsgruppe kamen nach der Vorstellung der Betriebskonzepte von Sebastian Däuwel (Die Brotpuristen aus Speyer) und Nico Scheller (BrotZeit aus Grünwald bei München) zu dem Resümee, dass die neuen wie auch die zum Teil schon seit mehreren Generationen bestehenden Bäckereibetriebe durch einen handwerklichen Ehrenkodex verbunden sind. Zu diesem Kodex zählen sie: die Übereinstimmung von Schein und Sein (Authentizität), Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit, aber auch Werte wie ihre Hingabe zum Handwerk und die Beständigkeit, immer wieder die Qualität der eigenen Arbeit auf den Prüfstand zu stellen.

Hemmnisse beim Auf- und Ausbau nachhaltiger Wertschöpfungsketten – vom Saatgut bis zum Brotverkauf

Im Focus der Arbeitsgruppe mit Herbert Völkle, Mareike Artlich von der ‚Jungen Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft‘ (JAbL) und Christian Lecht (Bäckermeister und Mitglied des Die Freien Bäcker e.V. aus Hannover) stand, dass der fachliche Austausch zwischen ZüchterInnen, Bauern und Bäuerinnen, MüllerInnen und BäckerInnen intensiviert werden soll. Dabei geht es vor allem um die gegenseitige Vermittlung der Qualitätsaspekte der einzelnen Stufen. Auf dieser Grundlage kann gegenseitige Wertschätzung entstehen, die nicht zuletzt das Vertrauen und die Verbindlichkeit der Partnerschaften und damit die Auskömmlichkeit der Preise auf allen Stufen der Wertschöpfungskette fördert. Des Weiteren wurde als bedeutsam genannt, die VerbraucherInnen als DialogpartnerInnen stärker einzubeziehen.

Hürden & Bürden des Handwerks

Zum Beginn dieser Arbeitsgruppe wurde zusammen getragen, was sich ändern muss und wie dies anzupacken ist. Einigkeit herrschte bei der Forderung, dass der strukturellen und ökonomischen Benachteiligung des Handwerks ein Ende zu setzen ist. Trotz häufiger Ankündigungen aus den Reihen der Politik, das Problem erkannt zu haben und anzugehen, steigt dennoch die Flut an zeit- und kostenintensiven Regulierungen und Markthemmnissen. Wo das regionale Handwerk und die bäuerliche Betriebe in die Knie gehen, entstehen menschleere Räume und eine Spirale nach unten. Von den Verantwortlichen im Bund sowie in der EU wird ein deutlicher Abbau von Regulierungen und Markthemmnissen für kleine und mittlere Handwerksbetriebe und die Stärkung des Prinzips Eigenverantwortung gefordert.

Das Handwerk stärken

In der Fish-bowl Diskussion am Ende der Tagung trugen die TagungsteilnehmerInnen Vorschläge zusammen, wie sich eigeninitiativ ihr Handwerk und ihre Wertschöpfungsketten stärken lassen. Petra Schmettow (forum für internationale entwicklung + planung e.V.), deren Tagungsmoderation mit einem starken Applaus bedacht wurde, bat zum Schluss um ein Resümee der Organisatoren. „Die klar formulierten Aufträge der Tagung und die zahlreichen konkreten Ideen werden in die Arbeit des Die Freien Bäcker e.V. einfließen“, versicherte Anke Kähler, die am nächsten Tag auf der Mitgliederversammlung erneut zur Vorstandsvorsitzenden des Vereins gewählt wurde. Die Tagung endete dann mit einer Besichtigung der Bio-Bäckerei Weber in Winnenden, deren Gebäcke die Tagungspausen mehr als versüßt hatten.
Nachtrag zur Vorstandswahl auf der Mitgliederversammlung des Die Freien Bäcker e.V. am 7.2.2017, gewählt wurden:
Anke Kähler (1. Vorstand), André Heuck (2. Vorstand), Cord Buck (Hannover), Jürgen Fink (Steinau a.d. Strasse), Jörg Meffert (Lemgo), neu dabei ist Johannes Dackweiler (Düsseldorf)

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