Information zu der Aktion ‚Hildegard dreht sich im Grabe um‘

Der Titel einer im August herausgegebenen Pressemitteilung der Messe Stuttgart zur Ankündigung der Fachmesse ‚Südback‘ lautete: „Genuss ohne Reue – mit besten Zutaten und Rohstoffen … Neben Tradition sind beim Backwerk innere Werte gefragt“. Einen Abschnitt dieser Pressemitteilung vom 19. August, der uns später veranlasste das Motto für die Aktion zu formulieren, geben wir hier kurz wieder:

Im Reinen mit sich selbst

Verbraucher sehnen sich in puncto Ernährung nach Ursprünglichkeit und Authentizität. Das hat Ulmer Spatz erkannt und mit dem Hildegard-von-Bingen-Brot ein Konzept geschaffen, das diesen Trend optimal bedient. … Dank bester Zutaten wie den Urgetreiden Emmer, Einkorn und Dinkel befriedigen die Gebäcke das Bedürfnis der Kunden, sich etwas Gutes tun und – wie Hildegard von Bingen – „im Reinen mit sich selbst“ zu sein.

Dass diese Fachmesse von den großen Backmittelfirmen dominiert wird ist nichts Neues. Das Maß jedoch mit dem der Konzern CSM (Ulmer Spatz, Meistermarken, …) die inhaltliche Bedeutung von Begriffen wie Nachhaltigkeit, Authentizität, Handwerk, Ursprünglichkeit,  Urgetreide-Gebäck, … zu Werbezwecken nutzt und unserer Meinung nach missbraucht, hatte uns zu zwei besonderen Aktivitäten auf der Messe veranlasst.

Um deutlich zu machen was Die Bäcker. Zeit für Geschmack e.V., als unabhängige Organisation traditioneller Handwerks-bäcker  unter Handwerk und traditionellen Herstellungsverfahren verstehen, hatten wir zwei Buchautoren auf unseren Messestand eingeladen. Am Sonntag, dem Tag an dem auch die Aktion ‚Hildegard dreht sich im Grabe um‘ stattfand, war Lutz Geissler, bekannt durch seinen Blog www.ploetzblog.de, am Messestand des Vereins und stellte sein ‚Brot-Back-Buch‘ vor. Lutz Geißler hat nach der Aktion, die er als Unbeteiligter miterlebte, dazu Informationen auf seinen Blog gestellt.

Die Aktion ‚Hildegard dreht sich im Grabe um‘ gab Anlass für eine sehr umfangreiche Diskussion auf der Südback und seit Tagen auch in den sozialen Netzwerken der Foodblogger. Es wurde inzwischen ein Button kreiert, den die Blogger nutzen, die mit unseren Ideen und Vereinszielen sympathisieren.

Was hat sich auf der Südback ereignet und was den Anlass dazu gegeben?

Die  Pressemitteilung der Messe Stuttgart hatte uns veranlasst, uns die ‚Hildegard von Bingen Produkte‘ von Ulmer Spatz etwas genauer anzusehen:

„Die deklarationsfreundliche Vormischung für erstklassige Gebäcke nach überlieferter Hildegard von Bingen Tradition“, so der Werbetext von Ulmer Spatz (CSM), enthält folgende Inhaltsstoffe:

Urgetreidemehl (Einkorn, Emmer, Wald-staudenroggen), Sauerteig: (Roggen, Dinkel); Sonnenblumenkerne, Weizenkleber, Dinkelmehl, Hafermehl, Weizenmehl, Erbsenextrakt, pflanzliches Fett, Meersalz, Sesamsaat, Kandiszucker, Emulgator: Lecithine, Buchweizenmehl, Kürbiskernmehl, Gerstenmalzextrakt getrocknet, Karamell-zucker, Maltodextrin, Backhonig, Gewürz-kräuter, Enzyme.

Zu der 50%igen Vormischung müssen noch 30% Weizen T 550 und 20% Roggen T 1150 zugegeben werden.

Die Werbeaussagen von Ulmer Spatz zu ihrer Produktpalette ‚Alles Gute‘ skizzieren wir weiter unten. Nachzulesen sind sie unter:

http://www.meistermarken-ulmerspatz.de/ulmer-spatz/allesgute-brot-backmischungen.html

Besonders bemerkenswert ist der Werbefilm:   

http://www.meistermarken-ulmerspatz.de/verkaufs-aktionen/hildegard-arkaden.html

Die unserer Ansicht nach betriebene Verbrauchertäuschung in Bezug auf das sogenannte ‚Urgetreide-Brot‘, führte bei einem Gespräch mit einem Mitglied des ‚Slow Food Youth Network‘ zu der Äußerung: „Die arme Hildegard würde sich im Grabe umdrehen“.                                      

Dies war der Anfang einer Idee, aus der letztlich eine Kunstaktion / ein Flashmop, vor dem Messestand von CSM, dem Produzenten der Vormischung, wurde.

Über das ‚Slow Food Youth Network‘ war der Kontakt mit einer Gruppe von Studentinnen/Studenten der Universität Hohenheim entstanden. Diese Gruppe, organisiert in dem Verein FRESH – Food Revitalization and Eco-gastronomic Society, engagiert sich dafür, dass sich zukünftige Entscheidungsträger für sozial und kulturell hochwertige, ökologisch nachhaltige und gesundheitsfördernde Ernährungssysteme einsetzen. Siehe: https://fresh.uni-hohenheim.de

Es wurde ein kurzer Text entworfen der zu der Aktion auf der Messe verteilt wurde (Text siehe Anlage zu diesem Bericht).

Ziel der Aktion war, eine öffentliche Diskussion anzustoßen:

 ·      Wie weit darf Werbung gehen ohne dabei Verbraucher zu täuschen?

 ·    Was ist aus Sicht von uns Bäckern sowie aus Sicht der Konsumenten unter (echtem) Backhandwerk zu verstehen?

Begriffe wie ‚echtes Backhandwerk‘ und ‚Ursprünglichkeit‘ werden von Ulmer Spatz/CSM gezielt für die Bewerbung der Hildegard-von-Bingen-Vormischungen  benutzt. Mit der Benutzung dieser Begriffe kommt man dem Bedürfnis vieler Verbraucher nach Einmaligkeit, Reinheit, Glaubwürdigkeit und der Sehnsucht nach dem Echten, Authentischen entgegen.  Mit der Erfüllung ihrer Kundenerwartungen versucht CSM die Bäcker mit ihren Alles Gute Produkten unter dem Motto:Ursprünglich – Traditionell – Natürlich‘ zu ködern.

Die Bäcker, die meist auch auf die CSM Werbemittel zurückgreifen, wecken mit den Werbeaussagen den Eindruck, dass es sich bei dem Hildegard von Bingen Brot um eine überliefert Rezeptur handelt, dass das Brot mit „der Ruhe und Sorgfalt des wahren Bäckerhandwerks“ hergestellt wurde. Dabei haben handwerkliche Verfahren der Brotherstellung mit der Herstellung des Hildegard von Bingen Brotes nichts gemeinsam. Ulmer Spatz wirbt so um die Gunst der Bäcker:                                                  

Ihre Kunden sehnen sich in puncto Ernährung nach Echtheit, Ursprünglichkeit, Authentizität und regionaler Herkunft. Im Reinen mit sich selbst sein – das ist der zeitgemäße Verbraucheranspruch. Und gleichzeitig das Prinzip der Markenwelt von Hildegard von Bingen. Mit diesem Konzept finden Sie auf diesen Trend eine glaubwürdige Antwort: Ein Gebäck-sortiment auf Basis fast vergessener Zutaten und Getreidesorten wie Emmer, Einkorn sowie Dinkel. Punktgenauer können Sie den Kundenwünschen nach bewusstem Leben, gesunder Ernährung, innerer Einkehr und wahren Werten nicht begegnen.

Um eine Kontroverse um diese „wahren Werte“ zu beginnen legten sich am zweiten Messetag um 15 Uhr für knapp eine Minute rund 15 junge Menschen vor die wohlinszenierte Welt der Hildegard-von-Bingen Backwaren. Mitten im sonntäglichen Messetrubel drehten sich die in Trauerflor gekleideten Akteure vor dem riesigen Stand des größten Anbieters von Bäckereiprodukten im Grabe um.

Ein Journalist des NDR sowie sein Kamerateam, die am Sonntag für die NDR Sendung ‚Markt im Dritten‘ an unserem Messestand einen Brötchentest filmten, waren durch das Auftauchen der Gruppe an unserem Stand vor Beginn der Aktion auf diese aufmerksam geworden. Daraus ergab sich, dass die Aktion vom NDR-Team gefilmt wurde.

Nach dem kurzen, ruhig verlaufenen ‚sich im Grabe umdrehen‘ und dem ersten Überfliegen des verteilten Infos zu der Aktion wurde der Ton vor dem CSM Stand etwas rau. Wir, Peter Plaumann (Vereinssekretär) und Anke Kähler (Vorstandsvorsitzende des Vereins), hatten die Aktion fotografiert und wurden vor dem CSM-Stand durch die Pressesprecherin und einen CMS-Manager, die sichtlich die Fassung verloren hatten, verbal attackiert.

Der Journalist Franz Jägeler, dessen Anfrage nach einer Stellungnahme seitens CMS abgewiesen wurde, musste sein Mikrofon ausschalten.

Nach ein paar Minuten verließen wir den Gang in Halle 5 und kehrten an unseren Stand in Halle 7 zurück. Der NDR folgte uns und drehte den Beitrag über Vollkornbrötchen an unserem Stand zu Ende und verabschiedete sich. Im Laufe des Sonntags und auch an den nächsten beiden Tagen fanden sich an unserem Stand zahlreiche Messebesucher ein, die zum Ausdruck brachten, dass unser Anstoß zu einer Diskussion über ethische Maßstäbe in Bezug auf die Bewerbung von Lebensmitteln (Backwaren) längst überfällig war.

Zu Messebeginn um 9.00 Uhr am Montag bekamen wir Besuch von Herrn Ulrich Kromer von Baerle (GF der Landesmesse Stuttgart) und Herrn Andreas Kofler (GF des Landesinnungsverbands für das Württembergische Bäckerhandwerk). Sie erklärten uns, das CSM erwägt sie hinsichtlich unserer Aktion zur Verantwortung zu ziehen und nun Rechtsanwälte mit der Prüfung von möglichen juristischen Konsequenzen uns gegenüber zu beauftragen. Wir wurden gebeten uns dafür einzusetzen, dass der NDR möglichst nicht über die Aktion berichtet oder zumindest eine Stellungnahme von CSM einholt. Desweitern baten uns die beiden Herren noch einmal auf CSM zu zugehen und in einem Gespräch zu versuchen, die Wogen zu glätten. Den NDR haben wir angerufen und ihn über die Situation in Kenntnis gesetzt. Zu dritt, Jörg Meffert (Vorstandsmitglied im Verein), Peter Plaumann und Anke Kähler, haben wir ein kurzes Gespräch mit der CSM-Pressesprecherin und Thomas Tanck, dem GF von CSM Deutschland geführt. Herr Tanck machte den Vorschlag, nach der Messe ein Gespräch zwischen dem  Backzutatenverband und Die Bäcker.Zeit für Geschmack e.V. zu vereinbaren. Diesen Vorschlag haben wir begrüßt und angenommen. Kurz vor Messeschluss am Dienstag besuchten uns an unserem Stand Wilko Quante (CSM Deutschland, Vorstandsmitglied Backzutatenverband und 1. Vorsitzender Wissensforum Backwaren e.V.) und Rechtsanwalt Christof Crone (GF Backzutatenverband) um ein gemeinsames Gespräch zu arrangieren. Unsere Vorstellung von einem Gespräch zwischen dem Backzutatenverband und unserem Verein weicht jedoch von der Vorstellung der beiden Verbandsvertreter ab. Wir werden den Vorschlag unterbreiten mit den Mitgliedern und/oder Vorständen des Backzutatenverbandes, insbesondere mit den Vertretern der  Unternehmen die Vormischungen und Backmittel herstellen, und einer Reihe von Mitgliedern unseres Vereins ein Treffen in einem unserer zertifizierten Mitgliedsbetriebe zu vereinbaren. Gesprächspunkte sind aus unserer Sicht, die Fragen was unter Backhandwerk zu verstehen ist und wo die Grenze zwischen ehrlicher Kunden-information und Verbrauchertäuschung verläuft.

Ein kurzer Mitschnitt von der Aktion ‚Hildegard dreht sich im Grabe um‘ ist auf Facebook zu sehen unter:

https://www.facebook.com/pages/Die-B%C3%A4cker-Zeit-f%C3%BCr-Geschmack-eV/251761124869688

In dem Beitrag vom NDR am Montag, den 28.10.  in der Sendung ‚Markt im Dritten‘ um 20.30 Uhr wurde ausschließlich das Thema ‚Vollkornbrötchen‘  aufgegriffen und dabei auch Aufnahmen vom Brötchentest an unserem Messestand gezeigt.

Ergänzende Information:  Das Unternehmen CSM veräußerte seinen Geschäftsbereich Backzutaten und Tiefkühlbackwaren 2013 für 1.050 Mio.  Euro an die weltweit tätige Beteiligungsgesellschaft Rhône Capital L.L.C.

Über den weiteren Verlauf werden wir berichten.

Bericht von:

Anke Kähler

Peter Plaumann

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